Kalles Filmwackel

von Hanne Lore

„Mensch Bodo, los raus! Aufstehen! Wir haben Opa Olaf verpasst, du Schlafmütze!“, schimpft Kalle und klettert mit seiner Puppe Bodo aus dem Bett. „Wir waren zu lange bei Mia!“ Kalle tapst mit Bodo ins Wohnzimmer.
In den letzten Tagen ist der kleine Bär zum Computer-Experten geworden. Er kann jetzt auch schon alleine ein Videotelefonat zu seinem Opa Olaf aufbauen. Schließlich hat er seinem Papa Christian oft genug dabei zugeguckt. Aber Opa ist nicht so schnell wie sonst am Computer. Es dauert und dauert, aber dann erscheint er auf dem Bildschirm.
„Kalle und Bodo? Moin, Jungs! Was ist los?“, fragt Opa verwirrt. Kalle winkt fröhlich seinem Opa zu und antwortet: „Moin Olaf, ich hole schnell das Werkzeug. Entschuldigung, dass wir zu spät sind. Wir waren zu lange bei Mia.“ „Wo ist deine Mama? Was macht dein Papa?“, fragt Opa. „Mama ist arbeiten und Papa sitzt am Schreibtisch im Schlafzimmer. Den dürfen wir jetzt nicht stören“, antwortet Kalle. „Kalle, fühl’ bitte mal, hast du einen warmen Kopf?“ „Nee, Opa, aber ich kriege vielleicht Bauchschmerzen vom Schokopudding!“
Jetzt ist klar, dass Opa Hilfe braucht. Er ruft laut nach Meike und Christian. „Nein, Opa, doch nicht rufen, du bekommst Ärger“, versucht Kalle ihn noch zu stoppen. Doch dann stehen Meike und Christian völlig aufgeregt im Wohnzimmer. „Was ist denn hier los?“, fragen sie. „Mama, du bist schon da, habe ich gar nicht bemerkt“, wundert sich Kalle. Christian reibt sich die Augen: „Offensichtlich ist keine Katastrophe passiert. Also setzen wir uns und hören zu.“ „Christian, ich fürchte, es dauert länger. Wir machen uns jetzt alle mal 'ne Honigmilch zur Beruhigung auf den großen Schreck“, schlägt Opa vor. „Ich bin gleich wieder im Bild.“
Nach einigen Minuten sitzt die Familie vereint vor dem Bildschirm. Opa übernimmt die Aufklärung: „Ik mutt vörtieden in de Büx. Euer kleiner Klabautermann hat mich gerade angerufen. Hat wohl etwas gedauert, bis ich wach geworden bin.“ „Oh, Opa, hast du auch ein Nickerchen gemacht?“, fragt Kalle erleichtert. Opa Olaf grinst: „Kann man so sagen, Kleiner. Aber jetzt musst du uns erst mal erzählen, was du bei Mia gemacht hast.“ Christian und Meike schauen sich völlig ratlos an.
„Also“, beginnt Kalle die Erzählung, „das war so!“
Kalle setzt sich mit Bodo in Position und berichtet: „Mama hat Bodo und mich zu Mia gebracht. Dann ist sie zur Arbeit gefahren. Dann habe ich mit Mia gespielt. Wir haben uns gar nicht gezankt. Mia hat jetzt auch eine Küche. Da haben wir für Bodo gekocht. Bodo hatte ganz viel Hunger. Dann sind wir raus in den Garten gegangen. Oma und Opa von oben waren auch draußen. Wir haben zusammen im Garten gearbeitet. Ich bin auf eine Blume getreten, aber Oma hat nicht geschimpft. Wir haben auch geschaukelt und sind mit Mias Laufrad gefahren. Ich muss morgen meinen Helm mitbringen. Dann hat Theo gerufen. Das Essen war fertig. Opa ist noch schnell nach oben gegangen. Er hat einen großen Schokoladenpudding gebracht. Mia und ich durften gaaaanz viel Pudding vor dem Gemüse essen. Dann kam Helena nach Hause. Dann haben wir noch ein Eis gegessen und dann…“ Kalle macht eine Pause und muss nachdenken. „Ja, dann sind wir wach geworden. Wir hatten den Anruf von Opa verpasst. Bodo ist auch eine alte Schlafmütze.“ Dabei nimmt er seinen besten Freund Bodo fest in den Arm.
Meike und Christian legen auch ihre Arme um Kalle. „Kleiner Schatz, das ist ja alles voll spannend. Ist Bodo jetzt wieder richtig wach in seinem kleinen Kopf?“, fragt Mama Meike. Kalle nickt. Papa Christian sagt: „Plötzlich höre ich mitten in der Nacht, wie Opa Olaf ruft. Das war ein Riesenschreck! Natürlich habe ich befürchtet, dass bei dir, Olaf, ein Unglück passiert ist. Aber als ich dann Kalle und Bodo vor dem Computer sah, verstand ich die Welt nicht mehr. Ich bin so froh, dass nix Schlimmes passiert ist.“ Kalle ist froh, dass Papa und Mama gar nicht mit ihm schimpfen. „Ich wollte nur mit Opa bauen. Ich habe seinen Anruf verpasst, weil ich so lange bei Mia war“, erklärt Kalle. „Aber war ja nicht schlimm, ich kann Opa schon alleine anrufen. Warte Opa, ich hole jetzt das Werkzeug und die Hölzer.“
„Stopp, Kalle, warte noch mal 'nen Moment. Meike und Christian, merkt ihr auch: Up de Jung, daar sitten Kopp up. Wir dürfen jetzt auf keinen Fall mit ihm schimpfen. Er hat alle Probleme prima gelöst! Kalle, mien Jung, hör mal zu: Du sagst ja immer, Opa Olaf hat Sprechwackel. Jetzt hast du Filmwackel. In dem ganz normalen Film beim Schlafen in dieser Nacht hast du das Programm gewechselt und den Traumfilm ‚Ich bin wieder bei Mia‘ geguckt. In dem Traumfilm hast du mit Mia gespielt, warst mit ihr im Garten und hast ganz viel Pudding und Eis gegessen. Anschließend hast du noch einen zweiten Filmwackel gehabt. Dein neuer Film war ‚Bauen mit Opa Olaf‘. Von diesen vielen Filmwackeln bist du mit Bodo aufgewacht und hast gar nicht bemerkt, dass alle anderen noch fest schlafen. Kalle, ich lag in meinem Bett und habe auch fest geschlafen, als du mich angerufen hast. Aber ich bin so stolz, dass du mich schon alleine anrufen kannst. Hast du ganz toll gemacht, mein Großer! Toll, toll, toll!“
Kalle setzt sich ganz gerade hin. Das fühl sich gut an, so von seinem Opa gelobt zu werden. „Kriege ich dann gar keine Bauchschmerzen, Opa?“ fragt Kalle zur Sicherheit nach. „Nein, mach dir keine Sorgen. Alles wird gut“, antwortet Opa.
„Was machen wir denn jetzt? Sollen wir unsere Schlafanzugparty beenden und noch ein wenig ins Bett gehen?“, fragt Mama Meike. „Ne gute Idee, ist ja noch ziemlich dämmrig draußen. Jetzt am Sonntagmorgen können wir uns doch wieder hinlegen. Keiner muss zur Arbeit raus“, stimmt Papa Christian dem Vorschlag zu. „Danke, Papa, für deine Hilfe“, sagt Meike. „Dor nich för, ik hebb Tied satt, ok vanmörgens. Aver Kalle, mien olen Klookschieter, bruukt dat Kinnerspööl.“
Am Nachmittag sind Christian, Meike, Kalle und Bodo ausgeschlafen und gut gelaunt. Sonntag ist doch ein schöner Tag, keine Arbeit und kein Homeoffice! Sie planen einen kleinen Ausflug. Papa Christian lädt Kalles Laufrad ins Auto. „Alle einsteigen und los geht’s!“
Papa biegt von der Hauptstraße ab. Bald haben sie einen kleinen Parkplatz am Rand der Weinberge erreicht. Kalle klettert schnell mit Bodo aus dem Auto, kaum dass er abgeschnallt ist. Papa hebt das Laufrad aus dem Auto. Kalle setzt seinen Helm auf und verstaut Bodo in der Tasche am Lenker. Papa und Mama müssen ganz schön Tempo machen, damit sie mit Kalle Schritt halten können. „Hier ist es schön, Christian“, sagt Meike. „Und auch keine anderen Spaziergänger. Hier sind wir wieder ganz frei.“ „Mmmh, gut, dass mir dieser versteckte Parkplatz wieder eingefallen ist. An dieser Stelle habe ich mich früher immer mit Theo zum Joggen verabredet.“
Kalle gibt sein Laufrad kurz ab, weil er rote Kleeblüten am Weg entdeckt hat. Er pflückt sie ab, bringt eine seiner Mama und die restlichen verwahrt er in Bodos Lenkertasche. Kalle strahlt, setzt sich wieder auf sein Laufrad und rollt los. „Achtung, Kalle! Abstand!“, ruft Christian und geht hinter Meike am äußersten Wegrand. Ihnen kommt eine Familie entgegen. Das kleine Mädchen fährt ebenfalls auf einem Laufrad.
Doch Kalle hört nicht mehr zu. Er gibt Vollgas und stoppt erst kurz vor dem anderen Kind. Er lässt sein Laufrad fallen und stürmt auf Mia zu! „Mia, oh Mia! Schön, dass du da bist. Ich war heute schon bei dir, wir haben Schokopudding gegessen. Aber das war nur ein Filmwackel. Jetzt bist du wirklich da!“ Kalle hüpft vor Freude von einem Bein aufs andere. Dann rennt er zum Laufrad zurück und kommt mit Bodo zurück. „Hier Mia, wir haben dir Blumen gepflückt!“ Um Kalle und Mia muss sich niemand mehr kümmern. Ihre Wiedersehensfreude ist riesig. Die Eltern entdecken zwei Bänke und setzten sich mit vorsichtigem Abstand. Auch sie haben sich sehr viel zu erzählen. Die kleine Mia wurde ebenfalls von Tag zu Tag trauriger, weil sie Kalle vermisste. Meike und Christian, Theo und Helena sind glücklich, dass ihre Kinder wieder strahlen. Beste Freunde sind halt unzertrennlich!